Peer-Lernen in der Pflegeausbildung: Gemeinsames Lernen braucht ein überprüfbares Ziel
Zwei Lernende besprechen einen Fall oder üben gemeinsam eine Aufgabe. Dass beide beteiligt sind, beantwortet noch nicht, was sie dabei lernen. Für ein…

Zwei Lernende besprechen einen Fall oder üben gemeinsam eine Aufgabe. Dass beide beteiligt sind, beantwortet noch nicht, was sie dabei lernen. Für ein geplantes Peer-Lernangebot gehören daher Aufgabe, Rollen und spätere Auswertung zusammen. Forschung kann die Auswahl eines solchen Formats unterstützen; sie ersetzt nicht die Festlegung, welche Leistung im eigenen Ausbildungskontext überprüft werden soll.
Ein neuer Review beschreibt unterschiedliche Lernformen
Ein systematischer Review von Palander und Kollegen aus dem Jahr 2026 untersuchte Peer-Lernangebote während der klinischen Praxis von Pflegestudierenden. Er umfasste zwölf Studien: fünf randomisierte und sieben quasiexperimentelle Untersuchungen. Die Programme liefen über drei bis zwölf Wochen in unterschiedlichen klinischen Umgebungen. Die Literatursuche reichte bis Januar 2024.
Die Autoren beschreiben insgesamt günstigere Ergebnisse für berufliche Entwicklung und psychologische Lernaspekte im Vergleich zu traditionellen Ansätzen. Effekte auf Selbstwirksamkeit waren jedoch klein, und die methodische Qualität variierte. Die Ergebnisse wurden ohne Meta-Analyse zusammengeführt. Es gibt deshalb keinen gepoolten Zahlenwert, der einen einheitlichen Nutzen aller Peer-Lernangebote ausdrücken würde.
Selbstwirksamkeit bezeichnet die Einschätzung, eine Aufgabe bewältigen zu können. Diese Einschätzung ist eine andere Information als die tatsächlich beobachtete sichere Ausführung. Bei der Bewertung eines Angebots sollten die verwendeten Messgrößen deshalb ausdrücklich benannt werden. Ein günstiger Fragebogenwert ist nicht automatisch ein Nachweis besserer Patientenversorgung.
Erfahrungen ergänzen den Befund, beweisen aber keine Ursache
Eine 2025 veröffentlichte Arbeit von Hamarash und Kollegen betrachtet Wahrnehmungen und Erfahrungen von Studierenden des ersten und vierten Ausbildungsjahrs. Ihr Originalabstract nennt ein qualitativ beschreibendes Vorgehen und thematische Auswertung. Er berichtet unter anderem über Zugehörigkeit, Motivation, Zusammenarbeit und professionelle Identität.
Solche Aussagen können zeigen, welche Aspekte Lernende wichtig finden. Aus einem qualitativen Vorgehen lässt sich aber keine statistisch gesicherte Effektgröße oder eindeutige Kausalwirkung ableiten. Die Arbeit sollte daher nicht wie eine zusätzliche randomisierte Wirksamkeitsstudie präsentiert werden. Sie eröffnet Fragen zum Erleben des Lernformats, während der Review eine andere Ebene der Bewertung behandelt.
Die Aufgabe vor dem Format festlegen
Für die eigene Unterrichtsplanung lässt sich zunächst schriftlich klären, was beide Lernenden anschließend erklären oder zeigen sollen. Soll ein Fall begründet eingeschätzt, eine Entscheidung diskutiert oder ein Handlungsablauf nachvollzogen werden? Eine präzise Aufgabe macht sichtbar, welche Beiträge erwartet werden und woran eine spätere Rückmeldung anknüpft.
Anschließend können die Rollen verteilt werden. Wer erläutert die Überlegung, wer stellt Rückfragen und wann werden die Rollen gewechselt? Ebenso sollte eine Frage vorgesehen sein, die beide zunächst nicht beantworten können. Damit wird deutlich, an welcher Stelle die fachlich zuständige Anleitung einbezogen wird. Peer-Lernen muss Unsicherheit benennen dürfen, statt aus zwei Vermutungen eine gemeinsame Sicherheit zu machen.
Die Auswertung an der tatsächlichen Leistung ausrichten
Für eine überschaubare Erprobung kann das Team vorab Kriterien festhalten: Welche Begründung ist nachvollziehbar, welche Information fehlt und welcher Punkt braucht weitere Anleitung? Die Auswertung sollte zwischen der Beteiligung am Gespräch und dem erreichten Lernziel unterscheiden. Beide können wichtig sein, sind aber nicht dieselbe Leistung.
Die Verantwortlichen können zusätzlich Rückmeldungen zum Erleben sammeln und neben der beobachteten Leistung dokumentieren. So wird aus dem Lernformat kein allgemeines Versprechen. Die Entscheidung über eine Fortsetzung stützt sich auf das tatsächlich durchgeführte Angebot, seine dokumentierten Ergebnisse und offene Fragen. Forschung liefert hierfür Anregungen und Grenzen; die Überprüfung im eigenen Ausbildungskontext bleibt eine eigene Aufgabe.
Quellen
- Palander et al.: The effectiveness of peer learning interventions in nursing students’ clinical practice, Nurse Education in Practice, März 2026; DOI: 10.1016/j.nepr.2026.104781.
- Hamarash et al.: Using Peer-Assisted Learning to Enhance Clinical Reasoning Skills in Undergraduate Nursing Students, Advances in Medical Education and Practice, 21. April 2025; DOI: 10.2147/AMEP.S507996. Vollständige Originalabstracts geprüft; keine Prüfung sämtlicher Studienvolltexte behauptet.